Warum der Abschied vom Spitzensport so schwerfällt
Ein Ausschnitt meiner Einschätzung, gesendet am 19. Oktober 2026.
Unter Athlet:innen gibt es den Spruch, dass ein Athlet zweimal stirbt und das erste Mal ist das Karriereende. Das klingt erst einmal hart, trifft es aber im Kern.1 Wer seit der Kindheit jeden Tag trainiert und jedes Wochenende im Wettkampf steht, gibt mit dem Karriereende viel mehr auf als nur einen Beruf. In diesem Artikel ordne ich ein, warum gerade große Sportpersönlichkeiten oft länger weitermachen, als es ihre Leistung vielleicht hergibt, und was hilft, den Übergang gut zu gestalten.
Das Wichtigste in Kürze
- Viele Spitzenathlet:innen definieren sich stark über ihren Sport. Fällt er weg, fehlt mehr als nur Training und Wettkampf.
- Ehrgeiz, die Hoffnung auf ein weiteres Comeback und der Wunsch nach einem selbstbestimmten, perfekten Abschied lassen viele länger weitermachen.
- Wer schon während der Karriere andere wichtige Lebensbereiche pflegt, kann später leichter loslassen.
Athletic Identity: wenn der Sport zur Identität wird
In der Sportpsychologie sprechen wir von Athletic Identity. Gemeint ist, wie stark sich jemand über seine Rolle als Athletin oder Athlet definiert.2 Bei Spitzenathlet:innen ist diese Identität oft sehr ausgeprägt, was zunächst einmal nichts Schlechtes ist: Sie hängt mit Motivation, Trainingsfleiß und erbrachter Leistung zusammen.
Schwierig wird es, wenn der Sport zur einzigen tragenden Säule wird. Dann hängen Selbstwertgefühl, soziales Umfeld und der ganze Alltag daran. Das sehe ich auch in meiner Arbeit: Viele Athletinnen und Athleten definieren und bewerten sich sehr stark über ihre Leistung. Studien zeigen zudem, dass sich die Athlet:innenidentität besonders stark ausprägt, wenn sich auch der Freundeskreis vor allem um den Sport dreht.3
Fällt der Sport dann plötzlich weg, bricht deshalb mehr weg als Training und Wettkampf. Ehemalige Athlet:innen beschreiben, dass sie nicht nur ein Stück von sich selbst verlieren, sondern auch das „Wir“ des Teams. Wer sich fast ausschließlich über den Sport definiert hat, erlebt diesen Verlust besonders stark.4 Das kann Folgen haben. In einer Studie mit fast 400 ehemaligen Athlet:innen aus dem Leistungssport erschwerte der Verlust der Athlet:innenidentität die Anpassung an das Leben danach, weil Sinnerleben und das Gefühl von Kontrolle abnahmen.5 Insgesamt berichtet etwa ein Viertel der ehemaligen Spitzenathlet:innen Symptome von Angst oder Depressionen.6
Ich glaube, viele Athlet:innen spüren das ganz intuitiv und ahnen, dass sie nach der Karriere in ein Loch fallen könnten. Das könnte ein Grund sein, warum dieser Schritt so lange wie möglich hinausgezögert wird.
Ehrgeiz und Formtief: warum man trotzdem weitermacht
Besonders spannend finde ich, dass gerade der Ehrgeiz, der diese Menschen nach oben, oft bis an die Weltspitze gebracht hat, ihnen am Ende im Weg stehen kann. Sie haben ihr Leben lang gelernt, sich durchzubeißen, nicht aufzugeben und Zweifler eines Besseren zu belehren. Diese Haltung lässt sich nicht einfach abschalten und loslassen, was dazu führen kann, dass der Kopf sagt ach, eine Saison geht noch.
Aus der Motivationspsychologie wissen wir, dass es Menschen grundsätzlich schwerfällt, ein wichtiges Ziel loszulassen, selbst wenn die Verfolgung des Ziels längst mühsam geworden ist.7 Leichter gelingt das, wenn die Entscheidung wirklich aus einem selbst heraus kommt und dabei nicht als Niederlage erlebt wird.8
Dazu kommt eine echte Unsicherheit. Spitzenathlet:innen haben in ihrer Karriere unzählige Formtiefs erlebt und sind immer wieder zurückgekommen. Wenn es dann nicht mehr so läuft wie früher, kann es schwerfallen zu unterscheiden, ob das nur eine weitere Durststrecke ist oder wirklich das Ende. Und natürlich hofft man, dass es Ersteres ist.
Selbstbestimmung und externe Faktoren
Viele Athlet:innen möchten selbst bestimmen, wann Schluss ist. Das ist grundsätzlich gut so, denn Studien zeigen: Wer die Karriere selbstbestimmt beendet, kommt danach meist besser zurecht als jemand, der durch Verletzung, Nichtnominierung oder das Alter zum Aufhören gezwungen wird. Am schwersten tun sich die Athlet:innen, die am wenigsten Kontrolle über ihr Karriereende erlebt haben.9
Aus meiner Sicht wird es schwierig, wenn man auf den perfekten Abschied wartet, wie etwa auf den letzten Titel oder das große letzte Spiel. Dieser Moment kommt nicht immer, und manche warten zu lange auf ihn.
Dazu kommt der wahrgenommene Druck von außen, durch Fans, Medien und das eigene öffentliche Bild. Wer jahrelang als Legende gefeiert wurde, möchte dieses Bild nicht beschädigen, niemanden enttäuschen und in bester Erinnerung bleiben. Jubel und Applaus sind etwas, das man im normalen Alltag in neuer Rolle selten bekommt.
Weitermachen muss nicht per se ein Problem sein
Bei all den Überlegungen in den oberen Abschnitten: Wer mit Mitte oder Ende dreißig noch spielt, macht nicht automatisch einen Fehler. Der Körper wird langsamer, aber Erfahrung, Antizipation und Spielverständnis wachsen. Moderne Sportmedizin und verbesserte Regeneration machen längere Karrieren heute möglich und einige Athlet:innen sind rund um die 40 noch auf Topniveau unterwegs.10
Die entscheidende Frage ist für mich deshalb nicht das Alter, sondern warum jemand weitermacht. Aus Freude und Überzeugung? Oder aus Angst vor dem, was danach kommt?
Darin liegen auch die wichtigsten Warnsignale:
- Die Freude ist weg, und alles fühlt sich nur noch nach Pflichterfüllung an.
- Man ist dauerhaft erschöpft und hat das Gefühl, nichts mehr zu erreichen.11
- Es geht vor allem darum, es allen noch einmal zu beweisen.
Es gibt aber auch ein positives Zeichen. So können andere Dinge im Leben von selbst wichtiger werden, etwa Familie, Ausbildung oder neue Interessen. Studien zeigen, dass viele Athlet:innen ihre Athlet:innenidentität schon vor dem Karriereende auf ganz natürliche Weise zurückfahren.12 Oft ist das ein erster Hinweis darauf, dass man innerlich bereit ist.
Die neu entstandene Lücke füllen
Wenn etwas so Zentrales wegbricht, braucht es etwas, das an die freigewordene Stelle treten kann. Der Sport erfüllt ja ganz konkrete Bedürfnisse, wie die nach Anerkennung, Zugehörigkeit und Struktur. Für viele ist der Sport außerdem ein Ventil, um Stress abzubauen und Emotionen zu regulieren. Dass Bewegung dabei hilft, Gefühle zu regulieren und sich schneller von Stress zu erholen, ist gut untersucht.13 Fällt der Sport weg, entsteht eine Lücke, und die muss mit etwas anderem gefüllt werden. Das passiert nicht von heute auf morgen, sondern ist ein Prozess, der gut vorbereitet sein will.
Man sollte also über die eigene Karriere nicht alles auf eine Karte setzen. Eine große Schweizer Studie, die 290 Spitzenathlet:innen über zwölf Jahre begleitet hat, zeigt genau das: Wer neben dem Sport noch andere wichtige Lebensbereiche entwickelt und etabliert hat, löst sich später leichter von der Athlet:innenrolle.14 Studien zeigen außerdem, was schützt: Wer nach dem Karriereende bestehende Gruppen hält und neue dazugewinnt, kommt besser durch den Übergang.5
Praktisch heißt das, schon während der Karriere:
- Interessen und Fähigkeiten außerhalb des Sports entdecken und ausbauen
- Freundschaften pflegen und sich in Gruppen bewegen, die nicht nur aus dem Team bestehen
- sich ab und zu ehrlich fragen: Wer bin ich, wenn ich nicht mehr spiele?
Und der richtige Zeitpunkt?
Eine Formel dafür gibt es nicht. Aber aus meiner Sicht ist der richtige Moment oft der, an dem es sich noch ein kleines bisschen zu früh anfühlt.
Über den Autor
Raphael Detchev
Sportpsychologe (M. Sc.) in Hamburg. Ich arbeite an der Schnittstelle von Leistungssport und klinischer Psychologie, mit Athletinnen und Athleten, Mannschaften und Trainerteams.
Quellen
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- Brewer, B. W., Van Raalte, J. L. & Linder, D. E. (1993). Athletic identity: Hercules' muscles or Achilles heel? International Journal of Sport Psychology, 24(2), 237-254.
- Stephan, Y. & Brewer, B. W. (2007). Perceived determinants of identification with the athlete role among elite competitors. Journal of Applied Sport Psychology, 19(1), 67-79.
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